Kaurismäkis finnischer film noir ist tatsächlich einer, auch wenn er gelegentlich so inszeniert ist, dass man ihn für eine Komödie halten könnte. Das Leben meint es nicht gut mit dem armen Wachmann Koistinen, der nirgends einen Halt findet und doch (oder gerade deshalb) von Größerem träumt. Er kommt aber weder voran, noch bei irgendwem zum Zuge. Die ersten Minuten des Filmes wird Koistinen überall weggeschubst, und dann kommt es noch schlimmer, da die falschen Leute in ihm den nützlichen Idioten erkennen. Eine verhängnisvolle Affäre zieht ihm den letzten Boden unter den Füßen weg - und da er zu allem Überfluss auch noch die nicht erkennt, die zu ihm steht, gibt es für ihn auch kein Entrinnen. Alles so flüchtig wie der Zigarettenrauch, der den gesamten Film überlagert. Und die Finnen in dem Film qualmen wie die Fabrikschornsteine, die sich Louis de Funès als Guillaume Daubray-Lacaze in Der Querkopf immer gewünscht hat. Ohne jegliche Übertreibung!
Alles spielt konsequent im Zwielicht. Es ist entweder früher Morgen, oder es herrscht Kunstlicht in Dauerbeleuchtung. Das nicht vorhandene Mienenspiel der finnischen Darsteller tut sein Übriges, um alles vollends erstarren zu lassen. Auch die absurden Blumenvasen täuschen nur kurz darüber hinweg: überall herrscht die Tristesse, auch dort, wo sich die Verbrecher verlustieren, die gerade den großen Coup gelandet haben. Und im Hintergrund staubsaugt die blonde femme fatale, die mit einem Walfischknochen aus einem Eisbock geschnitzt wurde - in Dessous. Die einzige Wärme im Film könnte vom "Grilli" ausgehen - einer Grillbude, wie sie zum Beispiel in den "Ballauf & Schenk"-Tatorten zum anheimelnden Wohnzimmer unter freiem Himmel hochstilisiert wird. Allein herrscht auch dort eine Sprödheit vor, die die ausgestreckte Hand erst spät erkennbar macht. Dabei haben Koistinen und die Dame vom Grill je ein großes Herz, das eigentlich hätte ausreichen müssen. Wäre nur nicht soviel Kruste darüber...
Und Koistinen geht doch lieber mit dem Lockvogel ins Kino. In einen tollen Film. Mit viel Action. Wie er sagt. Und dazu hat Kaurismäki in geradezu beängstigender Weise 70 Jahre alte finnische Tangomusik als Begleitung gewählt, die textlich changiert zwischen "soll ich mir gleich die Pulsadern aufschneiden" und "vielleicht wird es auch der eisige Wind übernehmen, wenn ich nur lange genug alleine in der Nacht sitze". Ja.
Ein echtes Date-Movie für rheinische Frohnaturen also.
Kommentare
Lichter der Vorstadt
Oder so.
Sehr schöne Rezension; gerade der Verzicht auf eine wie auch immer geartete Punktewertung macht m.E. den Charme unserer Seite aus. Damit erzeugen wir nicht den Eindruck, wir hätten objektive Kriterien, und Filme wären quasi meßtechnisch vergleichbar.
"Mars Attacks" bleibt für mich eher Grotte, aber ich erinnere mich daran, über die "Nackte Kanone" sogar zweimal mehr als herzlich gelacht zu haben. Vielleicht wäre zu eben der Zeit in meinem Leben auch "Mars Attacks" der Brüller gewesen, obwohl oder weil ich ihn damals auf einem schlechten Fernseher, einem noch schlechteren Videorekorder in einer unglaublich schlechten Kopie vom örtlichen Videoverleih geschaut hätte.
Also: wir machen sozialkritisch weiter da, wo andere aufhören.
Oder so.
Faster, Pussycat, kill, kill!
Merci
Merci
Übrigens ist es bei
Übrigens ist es bei Analog-Geräten gerade das "weil". Ich erinnere mich noch daran, dass z.B. OMD auf einem Mono-Kassettenrecorder mit Rauschen viel besser erträglich gewesen sind als digital in kristallklarem Stereo vom CD-Spieler. Ich habe sie auch lange nicht mehr gehört, deshalb täusche ich mich möglicherweise, aber ich meine mich zu erinnern, dass das ganze Flair des Zerfetzten durch die CD wie weggeblasen war. Und das tat gerade OMD nicht gut, die (man lese und staune) ja durchaus mit experimenteller Elektronik mit Fiepen und Rauschen angefangen haben und dann zu poppigem Pop gepoppt sind, weil das niemandem gefiel und zu fiepsig und rauschig war.
Und das für einen Andy McCluskey, der am Ende auch für Atomic, äh, Kitten verantwortlich zeichnete.
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